Und wer bezahlt das Ganze?

Antwort auf die Frage, warum es einen Unterschied zwischen Brutto und Netto gibt?

Diese Frage stellt sich Lisa Meyer schon seit langem. Sie hat mitbekommen, wie aufwendig die Pflege ihres Sohnes ist. Und sie weiß, dass diese Arbeit nicht ehrenamtlich erfolgen kann.

kap-soziale_sicherheit-wer-bezahlt01Die Finanzierung der Sozialleistungen ist je nach Beschäftigungsverhältnis unterschiedlich geordnet. Sowohl Arbeitnehmer als auch Arbeitgeber zahlen in die Kassen des Landesamts für Soziale Sicherheit (LSS) ein. Das ONSS (auf Deutsch LSS) leitet die Beträge weiter an die verschiedenen Sparten des Sozialstaats. Vor 1995 geschah dies nach festgelegten Prozentsätzen, danach je nach Finanzbedarf. Selbständige entrichten ihre Sozialabgaben pro Trimester und proportional zum erwirtschafteten Einkommen.

Die zu leistenden Sozialbeiträge

wurden für Arbeitnehmer im 1. Quartal 2011 nach folgendem Schema (in % des Bruttolohns) berechnet:

Sparten Arbeitnehmerbeitrag (%) Arbeitgeberbeitrag (%)
1. Krankheit-Invalidität
- Gesundheitspflege, Sachleistungen
– Krankengeld
3,55
1,15
3,80
2,35
2. Arbeitslosenversicherung 0,87 1,46
3. Pensionen 7,50 8,86
4. Familienleistungen 0,00 7,00
5. Arbeitsunfallversicherung 0,00 0,30
6. Berufskrankheiten 0,00 1,00
7. Urlaubsgeld 0,00 0.00 für Angestellte
6.00 für Arbeiter
8. Fortbildungsabgabe 0.05
9. Kinderbetreuung 0.05
10. Lohnmäßigungsbeitrag 7.48
11. Erziehungsurlaub 0.06
12. Sonderzuschlag (Arbeitslosigkeit) 0.10
13. Beitrag zum Asbestfonds 0.01
14. Besondere Beiträge 2.06
Total (= Gesamtbeitrag) 13,07 32.77 bzw. 40.55

Quelle: www.minsoc.fgov.be (2014)

Es gibt einen Unterschied zwischen Arbeitern und Angestellten bzgl. der Finanzierung des Jahresurlaubs. Bei den Angestellten wird der Jahresurlaub unmittelbar vom Arbeitgeber bezahlt, während er bei den Arbeitnehmern aus Sonderbeiträgen finanziert wird, die der Arbeitgeber direkt an das LSS entrichtet.

kap-soziale_sicherheit-wer-bezahlt02Die Grundlage der Berechnung ist der Brutto-Lohn (inklusive alle geldwerten Leistungen, die der Arbeitnehmer für seine Arbeit erhält).

Eine Vielzahl an Arbeitsbeschaffungsmaßnahmen zugunsten bestimmter Zielgruppen (ältere Arbeitnehmer, Langzeitarbeitslose, Ersteinstellungen, junge Arbeitnehmer, Niedriglöhne, hohe Löhne, Arbeitnehmer im System der kollektiven Arbeitszeitverkürzung in ihrem Unternehmen oder mit Viertagewoche) verringern jedoch die Sozialversicherungsbeiträge. Diese Maßnahmen werden getroffen, um diesen Personen eine zusätzliche Chance auf dem Arbeitsmarkt zu geben. Andere Maßnahmen zur Verringerung der Sozialabgaben zielen darauf, die Wettbewerbsfähigkeit des Unternehmens zu stärken.

kap-soziale_sicherheit-wer-bezahlt03Die Haupteinnahmequelle der Sozialen Sicherheit sind also die Lohnabgaben (auch die von Bernd Meyer und seinen Geschwistern und Schwägerinnen), die einerseits vom Arbeitnehmer und die andererseits vom Arbeitgeber (Arbeitgeberlasten) entrichtet werden. Die Entwicklung der Einnahmen der Sozialen Sicherheit (in Milliarden Euro) von 2008 bis 2012 (Arbeitnehmerregime) weist eine Steigerung von 56,34 auf 67,36 Milliarden Euro aus, darunter in 2012 den Betrag von 43,34 Milliarden € aus Lohnabgaben.

Neben den Lohnabgaben als Quelle von Einnahmen für die Sozialsicherheit gibt es verschiedene andere Einnahmequellen, darunter Zuschüsse des Staates und eine staatliche Alternativfinanzierung. Die Alternativfinanzierung besteht aus einem bestimmten Prozentsatz der Mehrwertsteuereinnahmen. Im Jahr 2012 flossen 11,27 Milliarden Euro der gesamten Mehrwertsteuereinnahmen in die soziale Sicherheit für Arbeitnehmer.  Hinzu kommt rund eine halbe Milliarde für  die soziale Sicherheit für Selbständige. Auf diesem Weg kann der Druck auf die Unternehmen gemindert werden, denn ihnen werden somit weitere Ar-beitgeberbeiträge erspart. (Quelle : Vademecum der Sozialen Sicherheit, Ausgabe 2014, Seite 114)

Vergleich zur Gesamtlohnmasse

(= Basis für die Entrichtung der Lohnabgaben): Die Gesamtlohnmasse der Arbeiter, die dem Regime der ONSS/LSS unterliegen, belief sich in 2012 auf insgesamt 109,95 Milliarden Euro. Diese Lohnmasse stieg zwischen 2008 und 2012 von 99,75 auf besagte 109,95 Milliarden Euro. (Quelle Vademecum der Sozialen Sicherheit, SPF Sécurité sociale, Ausgabe 2014, Seite 143) Demgegenüber stellt die Entwicklung der Ausgaben der Sozialen Sicherheit (in Milliarden Euro) von 2008 bis 2012 (Arbeitnehmerregime) sich wie folgt dar:

Laufende Ausgaben 2008 2009 2010 2011 2012
Leistungen
– INAMI-Krankengeld
– ONP (Pensionen)
– ONAFTS (Kindergeld)
– FAT (Arbeitsunfall)
– FMP (Berufskrankheit)
– ONEm (Arbeitslosigkeit)
– Minenarbeiter
– CPSM (Krankheit/Invalidität)
– Seeleute
33.83
4.27
16.86
3.92
0.17
0.31
8.27
0.003
0.007
0.002
36.53
4.61
17.78
4.10
0.18
0.30
9.52
0.002
0.007
0.002
37.73
5.00
18.32
4.19
0.18
0.30
9.70
0.002
0.006
0.001
39.49
5.45
19.37
4.36
0.19
0.26
9.81
0.002
0.009
0.001
41.39
5.08
20.69
4.53
0.20
0.27
9.87
0.002
0.007
0.001
Überweisungskosten 0.008 0.008 0.004 0.003 0.002
Verwaltungskosten 1.02 1.09 1.12 1.17 1.18
Externe Transfers (u.a. INAMI-Sachleistungen) 19.42 20.85 21.89 23.15 22.46
Zinsen (auf Anleihen) 0.001 0.002 0.008 0.014 0.006
Verschiedenes 1.30 1.50 1.72 1.91 2.11
Total (Beträge abgerundet) 55.59 60.00 62.49 65.75 67.17
Saldo der laufenden Einnahmen und Ausgaben 0.75 -2.74 -1.04 -0.91 0.18

Quelle : Vademecum der Sozialen Sicherheit, SPF Sécurité sociale, Ausgabe 2014, Seite 115

Wie man unschwer aus der Tabelle entnehmen kann, ist das System der Sozialen Sicherheit selten im finanziellen Geleichgewicht zwischen Ausgaben und Einnahmen. Den größten Posten im Bereich der Ausgaben macht das INAMI (Krankengeld und Sachleistungen), gefolgt vom Pensionsamt (ONP) und den Arbeitslosenkassen (ONEm).

kap-soziale_sicherheit-wer-bezahlt04Im Regierungsabkommen 2014 der Föderalregierung steht, dass versucht wird, die Lohnabgaben auf max. 25 % zu begrenzen. Dies führt zu einer Reihe von Kürzungen von Sozialleistungen, denn wo die Einnahmen gekürzt werden, müssen auch die Ausgaben reduziert werden. Mit einem Abgabensatz von 25 % sind die Betriebe hinsichtlich der Lohnmasse wieder wettbewerbsfähig. Diese Maßnahme hilft jedoch nicht, um hinsichtlich der Energiekosten ebenfalls wettbewerbsfähig zu werden. Für energieintensive Betriebe bleibt folglich ein erhebliches Fragezeichen bzgl. ihrer Wettbewerbsfähigkeit bestehen.

Brutto und Netto

Weshalb gibt es einen Unterschied zwischen Brutto- und Netto-Lohn? Bernd Meyer verfügt z.B. über ein monatliches Brutto-Einkommen. Netto bleibt ihm davon nur ein Teil übrig.

kap-soziale_sicherheit-brutto-netto

Vom Bruttolohn werden 13,07 % an Sozialabgaben einbehalten.  Vom Bruttolohn, abzüglich der Lohnabgaben des Arbeitnehmers, wird der Berufssteuervorabzug berechnet. Dem Arbeitgeber werden 32,77 % (Angestellte) bzw. 40,55 % (Arbeiter) des Bruttolohns inklusive die Prozente für die Lohnmäßigung als Arbeitgeberbeitrag berechnet. Die globalen Lohnkosten belaufen sich demnach auf einen wesentlich höheren Betrag, als das was der Arbeitnehmer netto ausgezahlt bekommt.

Und was sagen die ostbelgischen Unternehmen über die Lohnkosten

Ein kurzer Blick auf die Finanzierungsmechanismen der Sozialen Sicherheit verdeutlicht, dass deren Zukunft davon abhängt, ob und in welchem Umfang die arbeitende Bevölkerung gewillt und in der Lage ist, Beitragszahlungen in die Kassen des Sozialstaats zu entrichten. Allerdings, je höher die Löhne und die Lohnabgaben, umso problematischer wird die Konkurrenzfähigkeit der Unternehmen, die sich immer mehr dem Druck der Globalisierung (d.h. den Importen aus Billiglohnländern) ausgesetzt sehen.

kap-soziale_sicherheit-wer-bezahlt02In früheren Jahren hatten wir die Reaktion der ostbelgischen Industrie- und Handelskammer zu der Frage der Lohnkosten eingeholt. Wir denken, dass diese Reaktion auch heute noch dem entspricht, was die ostbelgischen Arbeitgeber denken. Vor allem beklagen sie, dass durch die Höhe der Lohnkosten ihre Wettbewerbsfähigkeit in negativer Weise beeinflusst wird – und zwar umso mehr als ihre Produkte in direkter Konkurrenz stehen zu den Produkten, die aus Billiglohnländern nach Europa importiert werden.

„Grundvoraussetzung für eine Verbesserung der Beschäftigungslage ist ein langfristiges dauerhaftes Wachstum der Wirtschaft sowie die Schaffung günstiger Rahmenbedingungen, um seitens der Unternehmen expansiv denken und handeln zu können. Die angesprochenen notwendigen Verbesserungen der Rahmenbedingungen liegen einerseits im Überdenken der Arbeitskostenstruktur und der hohen steuerlichen Belastung für die Unternehmen und Arbeitnehmer, aber andererseits auch in Form einer größeren Sicherheit. Unsicherheit ist der Feind von Investitionen. Wechselnde politische Prioritäten und unvorhersehbare Entscheidungen im Bereich der Handels-, Wettbewerbs- und Finanzpolitik tragen zur Unsicherheit bei.

Stabile Wirtschaftspolitik dagegen schafft Vertrauen und stellt einen wesentlichen Standortfaktor für Investitionen dar. Wachstum der eigenen Wirtschaft setzt Wettbewerbsfähigkeit der Unternehmen voraus. In diesem Bereich sehen wir zwei Schwerpunkte: Einerseits bedarf es einer strukturellen Anpassung der Arbeitskosten, insbesondere hier der Lohnzusatzkosten, um die Unternehmen, die im internationalen Wettbewerb stehen, konkurrenzfähig zu machen. Andererseits charakterisieren sich konkurrenzfähige Unternehmen durch gut geschultes, qualifiziertes und motiviertes Personal.

Die Ausbildung der Personen kann nicht von oben her diktiert werden. Es bedarf der Bewusstwerdung eines jeden einzelnen, dass seine zukünftige persönliche Arbeitsplatzsicherung nicht abhängig gemacht werden kann von eventuellen öffentlichen Subsidienprogrammen. Die Absicherung der beruflichen Zukunft ist auch das Resultat einer guten Schulausbildung, einer angemessenen Berufsausbildung sowie der Bereitschaft, sich weiter zu qualifizieren und zu schulen.

Die persönliche Arbeitsplatzsicherung ist verbunden mit dem Prozess des lebenslangen Lernens. Viele Unternehmen Westeuropas, also auch Ostbelgiens, können nur über höhere Produktivität und qualitativ überlegene Produkte im internationalen Wettbewerb bestehen. Neue Ideen und technologischer Vorsprung bringen auf Dauer neue und stabile Arbeitsplätze. Die schulische Aus- und die berufliche Weiterbildung ist daher einer der wesentlichen Stützpfeiler der Wettbewerbsfähigkeit ostbelgischer Unternehmer.

Ausgehend von diesen Feststellungen, dass Wirtschaftswachstum die Basis für Beschäftigung ist, wissend dass die Wirtschaft Ostbelgiens von nationalen und internationalen Faktoren abhängig ist und somit nicht vor Ort beeinflusst werden kann, muss sich unser Augenmerk auf die Aus- und Weiterbildung der Arbeitslosen und Arbeitnehmer konzentrieren.“

Lohnmasse: ein viel strapazierter Begriff

(Einige Fragen zu den Aussagen der Arbeitgeber)

Die Sozialabgaben werden für Arbeitnehmer gemäß der Lohnmasse berechnet und für Selbständige gemäß dem sozialpflichtigen Einkommen. Die Frage lautet nun, wer trägt in welchem Maß durch sein Einkommen/ seinen Lohn dazu bei, die Sozialkassen zu füllen. Die Lohnmasse, die den Beitragszahlungen der LSS unterworfen sind (in Milliarden Euro), aufgesplittert je nach Tätigkeitsbereichen:

Arbeiter des Privat-sektors Ange- stellte des Privat-sektors Total Privat-sektor Arbeiter im öff. Dienst Ange- stellte im öff. Dienst Beamte Total Off. Dienst TOTAL Arbeit-nehmer Selb- ständige (1) TOTAL
2008 24.32 51.31 75.63 0.96 6.61 16.51 24.09 99.72 14.28 114.00
2009 23.00 52.65 75.65 0.99 6.93 17.06 24.99 100.65 15.21 115.86
2010 23.80 52.92 76.73 0.99 7.21 17.15 25.35 102.08 15.77 117.85
2011 25.01 55.38 80.39 1.01 7.45 17.56 26.03 106.43 15.42 121.85
2012 25.45 58.14 83.60 1.00 7.24 18.10 26.35 109.95 16.27 126.22

Quelle : Vademecum der Sozialen Sicherheit, SPF Sécurité sociale, Ausgabe 2014, Seiten 143 + 260) Beträge wurden gerundet.
1) Bei den Selbständigen redet man natürlich nicht von Lohnmasse, sondern von Einkommen, das den Sozialabgaben unterliegt.

kap-soziale_sicherheit-wer-bezahlt01Natürlich sind diese Einkommen ungleich verteilt. Dies können wir anhand der nachfolgenden Tabelle leicht erkennen. Sie gibt die Einkommensverteilung des Jahres 2011 wieder, aufgeteilt in Abschnitten von jeweils 5.000 Euro. Somit erklären die Belgier auf fast 950.000 Steuererklärungen ein Jahreseinkommen von 0 bis 10.000 Euro. Natürlich zählen dazu auch die vielen Senioren mit einer kleinen Alterspension oder Teilzeitbeschäftigte. Diese Einkommensgruppen, deren Einkommen nicht ausreicht, um die Lebenshaltungskosten zu bezahlen, gehören eher zu denen, die zusätzliche Leistungen des Sozialstaats erwarten. Diejenigen jedoch, die über einen besseren Lohn oder über ein besseres Einkommen aus selbständiger Tätigkeit verfügen, werden voraussichtlich eher mehr in die Sozialkassen einzahlen, als sie von diesen zurück erhalten. Wer mehr verdient, zahlt in der Regel auch mehr in die Sozialkassen. Dieses Prinzip gilt als die Grundlage einer solidarischen Gesellschaft als Kontrast zu einer Gesellschaft, in der jeder nur sich selber versorgt (wenn ihm denn dafür am Ende des Monats noch Mittel bleiben). Wie sieht es aber aus mit denen, die ihr Einkommen über Dividenden beziehen? Beteiligen sich die Aktionäre ebenfalls an der Finanzierung der Sozialen Sicherheit? Die Frage stellen, heißt sie beantworten. Ferner: Wie hoch ist wirklich der Lohnanteil an den Gesamtkosten der Produktion? Berechnungen gehen von rund 20 % aus…

kap-soziale_sicherheit-lohnmasse

Quelle : http://economie.fgov.be

Diese Graphik spiegelt die ungleiche Einkommensverteilung aus dem Jahr 2011 wider. Die Einkommen sind nach Gruppen von je 5.000 € pro Jahr aufgeteilt. Zum Ausdruck kommt, dass die große Masse der Menschen über ein sehr kleines Einkommen, dass aber eine kleine Minderheit über ein sehr großes Einkommen verfügt. Die sogenannte untere Mittelschicht liegt punkto Einkommen zwischen 30 und 55.000 €/ Jahr. Die obere Mittelschicht kommt auf 55 bis 90.000 €.

Lieber Mahlzeitschecks…

Fallbeispiel

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