Money, Money, Money…

Modernisierungsgewinner und –verlierer

Quelle: Michael Schumann, Professor für Arbeits- und Industriesoziologie der Universität Göttingen – in WSI Mitteilungen 9 /2001, Sozialstrukturelle Ausdifferenzierung und Pluralisierung der Solidarität, Seite 532ff.

Michael Schumann unterteilt die Menschen in fünf große Gruppen: die Modernisierungsmacher, die Modernisierungsmitgestalter, die Modernisierungsbedrohten, die Modernisierungsverlierer und die Modernisierungsausgesparten. Nachstehend eine Kurzübersicht.

Die Modernisierungsmacher: Sie besetzen die oberen Etagen. Sie sind hervorragend ausgebildet und verfügen über richtungsweisende Kompetenzen. Ihre Arbeit ist fachlich anspruchsvoll. Sie gehören zu den Kreativen, den Machern. Sie bündeln Innovation. Sie arbeiten sehr eigenverantwortlich. Sie verfügen über eine hohe Lernkapazität und Leistungsbereitschaft. Sie sind weniger auf die allgemeine Solidarität angewiesen.

Die Modernisierungsmitgestalter: sie beziehen die mittleren bis höheren Etagen. Es sind nicht die kreativen Modernisierer, wohl aber deren Mitspieler und Mitgestalter. Auch sie zählen zu den Modernisierungsgewinnern. Ihre Arbeits- und Beschäftigungslage ist positiv. Zu ihnen gehören u.a. die Facharbeiter und Fachangestellten. Sie arbeiten unter einem gewissen Leistungsdruck, aber sie arbeiten in der Regel eigenständig – sei es als Selbständige, sei es als Arbeitnehmer.

Die Modernisierungsausgesparten: Sie haben mehrheitlich noch eine Arbeit, vorwiegend in den Bereichen und Sektoren, die noch wenig technisiert und die sehr arbeitsintensiv sind. An sie werden hohe Anforderungen punkto Arbeitsleistung gestellt. Das verursacht zunehmenden Stress. Sie arbeiten eher weniger eigenständig. Sie sind noch von der technischen und organisatorischen Modernisierung ausgespart, doch wie lange noch? Ihr Lohn entspricht immer seltener dem, was von ihnen als Leistung verlangt wird. Sie verstehen sich als Arbeiter, jedoch immer weniger als Arbeiterklasse.

Die Modernisierungsbedrohten: Zu dieser Gruppe zählen diejenigen Arbeitnehmer mit einer prekären Beschäftigung (befristete Arbeits-Verträge, Interims-Arbeiter, Zeitarbeiter, …). Deren Zahl nimmt zu, sie ersetzen nach und nach die klassischen Arbeitsverträge (Vollzeitbeschäftigung mit unbefristeter Dauer). Sie bewohnen die Kellerräume des Wolkenkratzers. Ihre sozialen Aufstiegschancen sind eher gering. Sie riskieren schneller, ihren Job zu verlieren („Job-Hopping“ als Ausweg ist die Folge). Ihnen werden weniger Schulungen, Praktika, Trainingsmöglichkeiten im Betrieb … eingeräumt. Sie bewegen sich im Bereich des Niedriglohns und der Berufsprofile mit Niedrigqualifikation.

Die Modernisierungsverlierer: ihnen wird der Zutritt zum Wolkenkratzer verweigert. Sie bleiben meist unfreiwillig außen vor. Zu ihnen gehören die (Langzeit)Arbeitslosen. Waren es zu Beginn schwerpunktmäßig Arbeiter; so sind es mehr und mehr auch Angestellte und Selbständige, mitunter sogar Besser-Qualifizierte. Ihre Zahl wächst. Sie fragen sich, ob sie jemals wieder dazu gehören können.

In einer Betriebswelt, in der es mehr darum geht, die Interessen der Aktionäre zufrieden zu stellen als die  Interessen der Arbeitnehmer, kommt es zu organisatorischen Modernisierungsprozessen (Auslagerung, Konzentration, Restrukturierungen) und zu technischen Modernisierungen (menschliche wird durch maschinelle Arbeitskraft ersetzt). Der Arbeitnehmer gilt mehr und mehr als eine Variable bei der Berechnung von Kosten, denn als ein Mitarbeiter. Sichtbar wird dies immer dann, wenn z.Z. ältere Mitarbeiter (deren Lohn teurer ist) durch jüngere Kollegen (deren Lohn billiger ist) ersetzt werden. Sichtbar wird dies ebenfalls, wenn z.B. rentable Standorte eines Unternehmens dennoch geschlossen werden, weil dies für die Aktionäre eine höhere Rendite verspricht und die Produktion aus dem geschlossenen Standort in ein Billiglohnland umgesiedelt werden kann.

Wo aber werden nun die Opel und die Ford-Wagen hergestellt, wenn die belgischen Standorte geschlossen sind? Interessiert das die Arbeiter bzw. der Gewerkschaften derselben Werke an anderen Standorten? Gibt es über die verschiedenen Standorte hinweg einen solidarischen Schulterschluss zwischen allen Arbeitern derselben Werke? Oder ist jedem am Ende das Hemd doch näher als der Rock – selbst um den Preis, den eigenen Standort mittels Abbau von Sozialleistungen, von Lohnmäßigung und Produktivitätszuwachs weiter aufrecht zu halten? Betrachtet der einzelne Arbeiter, bei dem das Klassenbewusstsein abnimmt, den Gewerkschaftsbeitrag als Versicherungsprämie für den Fall, dass er eine Versicherung braucht, oder als Akt der Solidarität mit den Kollegen (auch an anderen Standorten)?