Ein Kind wird geboren

Geburtenrate rückläufig

Mutter oder Vater werden, wird in der belgischen Arbeits- und Sozialgesetzgebung besonders geschützt. Wir werden im vorliegenden Kapitel kurz auf die verschiedenen Aspekte des Elterndaseins eingehen.

Die allgemeinen Rechte der schwangeren Arbeitnehmerin

Die vorliegende Materie wird per Königlichem Erlass (geregelt durch die Regierung) und durch Kollektivabkommen (zwischen Arbeitgebern und Arbeitnehmerorganisatio-nen ausgehandelt)  organisiert.

kap-soziale_sicherheit-martinaSobald die Arbeitnehmerin schwanger ist, sollte sie ihren Arbeitgeber nachweislich über die bevorstehende Mutterschaft informieren. Ab diesem Zeitpunkt gelten dann nämlich eine Reihe von gesetzlichen Maßnahmen und Sicherheiten. Es handelt sich dabei vor allem um:

  • den speziellen Schutz vor Entlassung,
  • das Recht, sich in einigen Fällen von der Arbeit zu entfernen
  • und den Beginn von einigen Vorbeugemaßnahmen im Bereich der Sicherheit und Gesundheit.

kap-soziale_sicherheit-kind01Schutz vor Entlassung: Der Arbeitgeber kann das Arbeitsverhältnis während der Schwangerschaft und während des Mutterschaftsurlaubs nicht beenden. Dieser Schutz gilt bis mindestens ein Monat nach dem Ende des Mutterschaftsurlaubs. Es handelt sich jedoch nicht um einen absoluten Schutz. Obwohl der Arbeitgeber unter bestimmten Bedingungen das Recht hat, der Arbeitnehmerin zu kündigen (z.B. im Fall der Schließung einer Abteilung oder bei Restrukturierung des Unternehmens), so darf die Kündigungsfrist jedoch nicht während des Mutterschaftsurlaubs beginnen oder weiterlaufen. Wenn der Vertrag fristlos mittels der Auszahlung einer Kündigungs-Entschädigung beendet wird, so gilt der Vertrag als sofort beendet, auch während der Schutzzeit.

kap-soziale_sicherheit-kind03Vorgeburtliche Fürsorge: Sobald der Arbeitgeber über die Schwangerschaft informiert ist, hat die schwangere Arbeitnehmerin das Recht, sich für die Dauer der Zeit, die sie nötig hat, um sich vorgeburtlichen Untersuchungen zu unterziehen, von der Arbeit zu entfernen. Dies geht aber nur, wenn die Untersuchungen nicht außerhalb der Arbeitszeit vorgenommen werden können. Der Lohn wird normal weiter gezahlt.

Mutterschaftsurlaub:  Eine Arbeitnehmerin, die ein Kind zur Welt bringt, hat Anrecht auf 15 Wochen Mutterschaftsurlaub. Im Falle von Mehrgeburten dauert der Urlaub 17 Wochen. Man unterscheidet zwischen dem Urlaub vor der Geburt und dem Urlaub nach der Geburt. Die Arbeitnehmerin darf unter keinen Umständen in den 7 Tagen, die dem Datum der vermuteten Geburt vorausgehen, einer Arbeit nachgehen, genauso wenig wie während der 8 darauffolgenden Wochen. Die verbleibenden Wochen können vor oder nach der Geburt genommen werden.

Still-Pause: Das Kollektivabkommen Nr. 80 gibt der Arbeitnehmerin das Recht, ihre tägliche Arbeitszeit zu unterbrechen, um ihr Kind zu stillen oder um die eigene Muttermilch abzupumpen. Diese Unterbrechung wird nicht durch den Arbeitgeber bezahlt. Es ist die Krankenversicherung, die dafür eine Entschädigung zahlt.

kap-soziale_sicherheit-kind02Elternschaftsurlaub: Im Privatsektor hat jeder Arbeitnehmer das Recht auf Elternschaftsurlaub, um für das Kind zu sorgen. Dieser Urlaub kann wie folgt genommen werden:

  • Jeder Arbeitnehmer (Vollzeit oder Teilzeit) kann die Ausführung des Arbeitsvertrags für eine Zeitspanne von 3 Monaten aussetzen. Diese Zeitspanne kann frei nach Monaten aufgeteilt werden;
  • Jeder vollzeitbeschäftigte Arbeitnehmer kann während einer ununterbrochenen Zeitspanne von 6 Monaten seine Arbeitszeit auf Halbzeittätigkeit verringern;
  • Jeder vollzeitbeschäftigte Arbeitnehmer hat das Recht seine Arbeitszeit während 15 Monaten um 1/5 zu verringern. Diese Verkürzung kann frei nach Monaten aufgeteilt werden, mit einer Mindestdauer von 3 Monaten bei jeder Anfrage.

Achtung: Die Arbeitszeitverkürzung von 6 Monaten ist kein Recht für Arbeitnehmer von Kleinen und Mittleren Unternehmen, die weniger als 10 Personen am 30. Juni des Vorjahres beschäftigten. In diesem Fall ist das Einverständnis des Arbeitgebers nötig.

kap-soziale_sicherheit-onemWährend des Elternschaftsurlaubs erhält der Arbeitnehmer eine Unterbrechungszulage und er behält auch einige Rechte der sozialen Sicherheit bei. Er ist auch gegen Kündigung geschützt. Um von der Zulage Gebrauch machen zu können, muss man sich an das Landesamt für Soziale Sicherheit wenden.

Laufbahnunterbrechung und Zeitkredit: Die Laufbahnunterbrechung erlaubt es dem Arbeitnehmer, seine Arbeitszeit auszusetzen oder zu verringern, indem er eine „Unterbrechungszulage“ erhält; Der Arbeitnehmer ist gegen Kündigung durch den Arbeitgeber geschützt und er behält einige Rechte der Sozialen Sicherheit bei.
Seit dem 1. Januar 2002 ersetzt ein neues System die Laufbahnunterbrechung im Privatsektor: das Recht auf Zeitkredit der Dauer von einem Jahr für die ganze berufliche Laufbahn (dieses Jahr kann auf Basis eines Kollektivabkommens verlängert werden). Dieses Recht ist auf Arbeitnehmer anwendbar, ohne dass es einer Begründung bedarf. Der Zeitkredit kann in Form einer völligen Aussetzung der Arbeit oder aber in Form einer Arbeitszeitverkürzung auf Halbtagstätigkeit genommen werden.

Unentgeltlicher Urlaub: Die Arbeitnehmerin kann ihren Arbeitgeber immer fragen, ob er einem unbezahlten Urlaub zustimmt. Es kann somit abgesprochen werden, den Arbeitsvertrag auszusetzen und die dafür nötigen Bedingungen festzusetzen. Während eines unbezahlten Urlaubs muss der Arbeitgeber kein Einkommen zahlen. Dieses System hat jedoch auch Auswirkungen auf die Rechte der Arbeitnehmerin im Bereich der Sozialen Sicherheit, besonders für die Ar-beitslosenversicherung und der Krankenversicherung.

Vaterschaftsurlaub: Der arbeitende Vater hat das Recht, sich von seiner Arbeit zu entfernen, wenn sein Kind geboren wird. Der Vaterschaftsurlaub beträgt 10 Tage und kann vom Arbeitnehmer frei innerhalb der Zeitspanne eines Monats ab dem Tag der Geburt gewählt werden. Er behält seinen normalen Lohn bei.

Das Einkommen im Fall von Mutterschaft

kap-soziale_sicherheit-kind04Zu Beginn des Mutterschaftsurlaubs schickt die Arbeitnehmerin ein ärztliches Attest mit dem Vermerk des vermuteten Tags der Niederkunft an ihre Krankenkasse. Nach der Geburt erhält sie seitens der Gemeindeverwaltung eine Geburtsbescheinigung, welche für die Krankenkasse bestimmt ist.

Entschädigung der schwangeren Arbeitnehmerin während ihres Mutterschaftsurlaubs: Während der 15 Wochen Mutterschaftsurlaub (17 Wochen im Falle von Mehrgeburten) erhält die Arbeit-nehmerin eine Entschädigung seitens der Krankenkasse. Die Höhe der Entschädigung wird nach einem Prozentsatz des Einkommens berechnet.

kap-soziale_sicherheit-kind05Selbstständige: Selbstständige haben Anspruch auf acht Wochen Mutterschaftsurlaub (1 Woche vor und 2 Wochen nach der Geburt sind vorgeschrieben, den Rest nimmt die Mutter nach eigenem Ermessen.). Für diesen Zeitraum haben sie Anspruch auf einen Pauschalbetrag in Höhe von 440,5 EUR/Woche (Beträge ab Juli 2014). Ferner erhalten sie 105 kostenlose Dienstleistungsschecks.

Beamte: Beamtete Frauen haben bei der föderalen Regierung wie die in der Privatwirtschaft tätigen Arbeitnehmerinnen Anspruch auf einen fünfzehnwöchigen Mutter-schaftsurlaub (19 Wochen bei Mehrfachgeburten). Während dieses Zeitraums erhalten sie 100 % ihres Einkommens.

Schwangere, die in Risikoberufen arbeiten: Die Arbeitnehmerin, für die der Arbeitsvertrag ausgesetzt wurde wegen möglicher gesundheitlicher Risiken für sie oder das Kind, hat Anrecht auf eine Mutterschaftsentschädigung für die gesamte Dauer der Aussetzung. Dafür muss sie ein Zertifikat des Arbeitgebers an die Krankenkasse schicken, welches die Sicherheitsvorkehrungen für die Mutterschaft enthält.

Krankheit während der Schwangerschaft: Im Falle einer Krankheit vor dem Mutterschaftsurlaub, muss der Arbeitgeber die Bezahlung garantieren. Im Falle einer Krank-heit während der 7-wöchigen Zeitspanne vor dem vermuteten Tag der Geburt zahlt der Arbeitgeber das garantierte Einkommen, und das solange, als dass kein Antrag auf pränatalen Urlaub bei der Krankenkasse gestellt wurde.

Im Falle einer ununterbrochenen Krankheit bis hin zum obligatorischen pränatalen Urlaub, ohne dass die Arbeit wiederaufgenom-men wurde, wird diese Zeitspanne in Mutterschaftsurlaub „umgeschrieben“ und eine Mutterschaftsentschädigung wird ausgezahlt.

Aufschub des Arbeitsvertrags oder geringere Bezahlung wegen einer Ersatzarbeit: Nachdem die Arbeitnehmerin ihren Arbeitgeber über ihren Zustand informiert hat und wenn ein Risiko für die Sicherheit und Gesundheit der Mutter und des Kindes besteht, kann sie von der Arbeit befreit werden. In diesem Fall hat die Arbeitnehmerin Anrecht auf Mutterschaftsentschädigung in Höhe von 60 % des Höchsteinkommens. Die stillende Mutter erhält diese Entschädigung während maximal 5 Monaten ab dem Tag der Geburt.

Fallbeispiel: Geburtsprämie

kap-soziale_sicherheit-onaftsMaria ist zum ersten Mal schwanger. Sie ist im fünften Monat. Die Geburtsprämie kann bereits beantragt werden. Sie lebt mit ihrem Lebensgefährten Stefan zusammen. Voraussichtlich wird das Baby am 15. Dezember geboren. In der Regel eröffnet der Vater das Anrecht auf Kindergeld, es sei denn, er übt keine Arbeitnehmertätigkeit oder gleichgestellte Leistung in Belgien aus. Stefan stellt den Antrag auf die Prämie. Er erkundigt sich beim Arbeitgeber, bei welcher Kindergeldkasse dieser angeschossen ist. Da Stefan und Maria nicht verheiratet sind, muss er die Vaterschaft für das gemeinsame Kind noch vor der Geburt regeln. Der Antrag ist eingereicht. Die Prämie wird im siebten Schwangerschaftsmonat ausgezahlt in der Höhe von 1223,11 €. Das Baby wird am 17. Dezember geboren. Nach der Geburt meldet Stefan das Baby bei der Gemeinde an und erhält die Geburtsbescheinigung. Diese ist einzureichen bei der Kindergeldkasse. Anrecht auf Kindergeld hat er ab Januar.

Familienzulagen

Sowohl Arbeitnehmer und Selbstständige als auch Beamte haben Anspruch auf Familienbeihilfen. Werden sie hiervon aus bestimmten Gründen ausgeschlossen, so können sie “garantierte Familienleistungen”, die unter die Sozialhilfe fallen, in Anspruch nehmen (siehe Kapitel über die “Sozialhilfe”).

Wir unterscheiden zwischen : Geburtsbeihilfen, Zulagen bei Adoptionen, übliche Familienauszahlungen, Pauschalzulagen für bei einer Privatperson untergebrachte Kinder, Auszahlungen für Waisen, Zusätzliche Leistungen.

Geburtenzulage – Adoptionsprämie

kap-soziale_sicherheit-kind06Die Höhe der Geburtenzulage oder der Adoptionsprämie beläuft sich beim ersten Kind auf 1.223 € und für das zweite Kind auf 920 €. (Beträge am 1. Januar 2007). Bei Mehrgeburten wird jedes Kind als erstes Kind angese-hen. Die Geburtenzulage wird auch zuerkannt, wenn es zu einer Todgeburt kommt oder aber auch wenn der Fall einer Fehlgeburt eintritt nach 180 Tagen Schwangerschaft.

Familienzulagen

kap-soziale_sicherheit-kind07Es gibt verschiedene Bedingungen: eine effektive Arbeit (oder ähnliche Situation) und eine Verbindung zu dem Kind haben. Gibt es mehrere Personen, die diese Bedingungen erfüllen, so erhält nur diejenige die Familienzulage, die auch über das Vorrecht verfügt. Wird das Kind zu Hause großgezogen gibt es eine gewisse Hierarchie die berücksichtigt wird: entweder der Vater, die Mutter, der Stiefvater, die Stiefmutter oder aber einer der Großeltern.

Die Familienzulagen werden an die Mutter ausgezahlt (oder die Person, die diese Aufgabe übernimmt).

Die Auszahlung findet über die Familienzulagenkasse statt. Bei der Angabe der Geburt auf der Gemeinde, stellt diese eine Bescheinigung für den Antrag auf Familienzulage aus. Das Recht auf Familienzulage wird ab dem ersten Tag des auf der Geburt folgenden Monats zuerkannt.

Für das erste Kind beträgt die Familienzulage 90,28 € und für das Zweite 167,05 €. Für die darauffolgenden Kinder sind es 249,41 €. (Diese Beträge gelten seit 1. Januar 2007). Waisen erhalten immer 301,92 € (am 1. Januar 2007). Für Kinder mit einer Behinderung, für Arbeitslose, Pensionierte und Invaliden ist der Betrag der Familienzulage höher.

Zusätzliche Leistungen (Stand : Juli 2014)

Alterszulagen: In Abhängigkeit vom Alter des Kindes. Hierbei werden drei Altersgruppen unterschieden: die Altersgruppen von 6 bis 12 Jahren, 12 bis 18 Jahren sowie ab 18 Jahren.

kap-soziale_sicherheit-kind08Jährliche Zulagen zu den Familienleistungen: Die Familienleistungen zu Beginn des Schuljahres werden mit einer Zulage von 20 bis 80 € für Kinder ohne Zuschlag und von 27 bis 110 € für Kinder mit Zuschlag erhöht.

Sozialbeihilfen: Rentner, Arbeitslose sowie arbeitsunfähige Arbeitnehmer erhalten zusätzliche Sozialbeihilfen.

Zusatzzulagen für Kinder mit einer Erkrankung oder Behinderung bis zum Alter von 21 Jahren: Betr. Kinder, die nach dem 31. Dezember 1992 geboren sind und eine Erkrankung haben.

Der Zuschlag für Alleinerziehende beträgt 45,96 € für das erste, 28,49 € für das zweite und 22,97 € für das dritte und jedes weitere Kind.

Übertragung der Zuständigkeit im Zuge der 6. Staatsreform

Etwa 10 Milliarden Euro werden an die Gemeinschaften überwiesen, da diese im Rahmen der 6. Staatsreform die Zuständigkeit für die Familienzulagen erhalten hatten. Dieser Betrag entspricht etwa 20 % der bereits vorhandenen Geldmittel der Gemeinschaften.

Folgendes Prinzip wird beibehalten: Das Recht auf Kinderzulagen wird eröffnet, sobald ein Vater oder eine Mutter einer entschädigten Arbeit nachgeht, sei es als Arbeitnehmer, als Selbständige oder als Beamter. Der Betrag wird an den Empfänger (Mutter, wenn es sich um einen Arbeitnehmerhaushalt handelt – Vater, wenn es sich um einen Haushalt von Selbständigen handelt) zugunsten des Nutznießers (das Kind) gezahlt.

Wird diese Übertragung eine Gelegenheit sein, die Rechte des Kindes zu verbessern?

  • Angleichung der Beträge von Kindern von Arbeitnehmern und von Selbständigen: da noch weitere Unterschiede fortbestehen, wird die erste Frage, die es zu lösen gilt, die sein, ob diese Unterschiede aufgehoben werden können. Sollten alle dem Regime für Kinder aus Arbeitnehmerfamilien gleichgestellt werden, belaufen die voraussichtlichen Zusatzkosten sich auf rund 20 Millionen Euro.
  • Vorrangregel: wie regeln, welcher der beiden Elternteile vorrangig das Kindergeld erhalten soll? Angesichts der Zahl der Scheidungen und der neu zusammen gestellten Haushalte ist diese Frage neu zu klären.
  • Die Regeln, gemäß derer die Gemeinschaften das Geld für diese Zuständigkeit bekommen, sieht vor, dass für alle Kinder unter 18 Jahren derselbe Betrag zu zahlen ist, unabhängig von der beruflichen Situation der Eltern. Damit werden die Voraussetzungen für eine Gleichbehandlung geschaffen.
  • Um zu verhindern, dass die Gelder von den Gemeinschaften zweckentfremdet werden, wird das Recht auf Kindegeld in die Verfassung eingeschrieben. Dieser Verfassung sind alle Körper-schaften, ob föderal, regional oder gemeinschaftlich, verpflichtet. Die sich daraus ergebende Regel des „Standstill“ verbietet es, diese Rechte zu beschneiden. Somit wird auch verhindert, dass aus dem Kindergeld Sachleistungen gemacht werden können.

Es werden jedoch weitere Schritte unternommen werden müssen, damit alle Kinder vor dem Hintergrund dieser Frage gleich behandelt werden. Dazu gehört z.B. die Fragestellung, ob es weiter gerechtfertigt ist, nach dem Rang eines Kindes innerhalb der Familie zu fragen, bzw. dessen Alter für die Festlegung der Summen zu beachten. Diese Fragen werden nun von den Gemeinschaften angepackt werden müssen.

Eine weitere Frage ergibt sich aus der Notwendigkeit, die Politik über die Grenzen der drei Gemeinschaften hinweg zu koordinieren. Wie wird z.B. der Fall gere-gelt, wo die Eltern in Flandern oder in der Wallonie arbeiten aber in der DG wohnen? Welche Gemeinschaft zahlt in diesem Fall das Kindergeld?

Fallbeispiel: Arbeitsplatzwechsel

kap-soziale_sicherheit-onaftsDie Mutter wird Kindergeldberechtigte: Joachim und Martina sind verheiratet und Eltern von drei Kindern. Joachim arbeitet seit 1994 in Belgien. Seit Geburt des ersten Kindes besteht eine Akte über Joachim. Am 15. September 2014 beginnt Joachim, in Deutschland zu arbeiten. Er informiert seine heutige Kindergeldkasse X. Über den Vater kann nunmehr kein Anrecht auf Kindergeld in Belgien eröffnet werden. Die belgische Kindergeldkasse überprüft die berufliche Situation der Mutter. Sie arbeitet ebenfalls in Belgien und ihren Arbeitgeber ist bei Kasse Y an-geschlossen. Die Kasse X leitet folglich die Akte an die Kasse Y weiter. Die neue Kasse übernimmt ab dem 1. Oktober 2014 die Kindergeldzahlungen. Würde Martina nicht in Belgien arbeiten, müsste die deutsche Familienkasse ab dem 1. Oktober als zuständig angesehen werden.

Fallbeispiel: Neuer Lebensgefährte

Beate und Peter sind Eltern zweier minderjähriger Kin-der. Sie trennen sich am 15. September 2014. Der Vater verlässt den Haushalt. Die Mutter hat einen theoreti-schen Anspruch auf einen Zuschlag für Alleinerziehende ab dem 1. Oktober 2014. Mittels Kontrollformular wird dieses Anrecht überprüft. Ihr monatliches Einkommen beläuft sich auf 1945,23 € brutto. Das ist weniger als der Höchstbetrag von 2309,58 € brutto. Sie erhält daher ab dem 1. Oktober 2014 einen Zuschlag. Ab dem 30. Juni 2015 wird bei Beate ein neuer Lebensgefährte einziehen. Es gibt keine Verwandtschaft zwischen Ihnen und dem Kind bis zum dritten Grad. Daher auch nicht das Anrecht auf dem Zuschlag nach dem 30.9.2015.

Ein Kind ist ein Kind

Unter diesem Schlagwort wird die Zukunft des Systems der Familienzulagen diskutiert. Dabei wird angeführt, dass für jedes Kind gleiche Familienzulagen zu zahlen sind, unabhängig vom Einkommen der Eltern, vom Alter oder vom Rang des Kindes, von der Beschäftigungssituation der Eltern (Arbeiter, Selbständiger….) usw.

Andere stellen die These auf, dass die Ausgaben der Eltern naturgemäß für das erste Kind höher sind als für die weiteren Kinder. Das Zweit- oder Drittgeborene könne meist noch die Kleider, Schuhe … des Erstgeborenen nutzen.

Wiederum andere  meinen, die Kinderzulagen an das Einkommen der Eltern zu koppeln. Wer ein kleineres Einkommen hat, solle mehr Kindergeld erhalten.

Und es gibt diejenigen, die den Alleinerziehenden mehr Kindergeld zukommen lassen möchten, weil deren Lebenslage ein höheres Risiko läuft, prekär zu sein, als das einer klassischen Familie.

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Fallbeispiel: Waisenkinder

kap-soziale_sicherheit-onaftsPeter und Vera sind Eltern von drei Kindern. Davon sind nur noch zwei kindergeldberechtigt. Der ältere Sohn ist Arbeitnehmer in Belgien und lebt außerhalb des Haushaltes. Die zwei Töchter Fina und Mona sind Schülerinnen in Belgien. Peter, der Vater, verstirbt am 23. September 2014. Peter und Vera haben nie in Belgien gearbeitet und sonst keinerlei Sozialleistungen bezogen. Peter war Arbeitnehmer in Deutschland, Vera war Hausfrau. Die Familie bezog das Kindergeld aus Deutschland. Wenn der Elternteil in Belgien verstirbt, informiert die zentrale Datenbank automatisch die Familienzulagenkasse. Diese prüft, ob ein Anrecht auf das erhöhte Waisenkindergeld besteht. Da Vera nie Kindergeld aus Belgien erhalten hat, informiert sie sich und stellt einen Antrag bei der Kasse X. Diese überprüft das Anrecht auf Waisengeld, beziehungsweise die Situation des verstorbenen und des überlebenden Elternteils. Im Jahr vor dem Tod des Vaters muss der verstorbene oder überlebende Elternteil mindestens sechs Monate in Belgien gearbeitet haben oder gleichgestellte Leistungen vollbracht haben. Wenn der verstorbene Elternteil oder das überlebende Eltern im Jahr vor dem Tod nicht gearbeitet hat und auch keine Sozialleistungen bezog, kann eine andere Person das Anrecht auf das Kindergeld an ihrer Stelle begründen (zum Beispiel ältere Geschwister, die diese Bedingungen erfüllen). Da der älteste Sohn seit 2012 in Belgien als Arbeitnehmer tätig ist und bei der Kasse Y angeschlossen war, ist diese nun zuständig für die Auszahlung des Waisenkindergelds ab dem 1. Oktober 2014. Das gewöhnliche Kindergeld aus Deutschland wird durch einen einzigen Betrag ersetzt: das Waisenkindergeld. Ihm wird ein Alterszuschlag hinzugefügt. Die Beträge der deutschen Kinderzulagengasse beliefen sich für Fina auf 184 und für Mona auf 184 €. Das belgische Waisenkindergeld beläuft sich auf 346,82 € für jede der beiden Töchter. Hinzu kommen für Tina, die am 1. März 1997 geboren wurde, und für Mona, am 6. Juni 1999 zur Welt kam, ein Alterszuschlag von 47,92 €. Eine Waise, die Anrecht auf das Waisenkindergeld hat, wird nicht mit den anderen Kindern gruppiert, um einen Rang festzulegen. Wenn der überlebende Elternteil mit jemandem zusammen lebt oder wieder heiratet, so wird ab dem darauf folgenden Monat wiederum nur noch das gewöhnliche Kindergeld gezahlt. Wenn der überlebende Elternteil danach wieder alleinlebt, kann das auch das Waisenkindergeld erneut gezahlt werden.