Automatische Indexbindung der Löhne

Zwischen 1999 und 2009 sind die nominalen Bruttolöhne in Belgien um 34% gestiegen, zum Vergleich in Deutschland um 12%. Die durchschnittlichen Brutto-Jahresverdienste sind von 38.650 Euro 2007 auf 40.698 Euro 2008 gestiegen (Eurostat). Wenn der nominale Bruttolohn steigt, bedeutet dies, dass der Arbeitnehmer mehr Euros bekommt. Es bedeutet aber nicht, dass diese Summe real mehr wert ist als die Summe, die er vor einigen Jahren bekam. Im Gegensatz zum nominalen zielt der reale Bruttolohn auf die tatsächliche Kaufkraft, die anhand eines Lohns erworben werden kann. Wenn in Belgien die nominalen Löhne gestiegen sind, dann auch deswegen, weil der Wertverlust des Geldes (Inflation) ausgeglichen werden konnte. In Deutschland dagegen haben die Arbeitnehmer eine Lohnsteigerung gekannt, deren realer Wert unterhalb des Wertverlustes liegt. Sie haben folglich effektive Kaufkraft eingebüßt.

Begriffsbestimmung

Die Indexierung ermöglicht es, auf objektive Art und Weise den Wertverlust eines Gutes oder einer Geldsumme auszugleichen.

Bezogen auf Löhne und Gehälter bedeutet dies, dass der Wertverlust im Vergleich zu den Lebenshaltungskosten ausgeglichen werden kann.  Die Löhne verlieren jedes Mal an Wert, wenn die Inflation zu einer Entwertung des Geldes führt. Daraus ergibt sich für Lohnempfänger, dass sie Kaufkraftverluste erleiden. Diese werden durch die Indexierung der Löhne ausgeglichen.

In Belgien erfolgt dieser Ausgleich automatisch und nach vorgegebenen Regeln. In Deutschland gibt es keine automatische Indexanbindung der Löhne. Nach einigen Jahren entsteht somit bei deutschen Arbeitnehmern ein erheblicher Rückstand zwischen der Kaufkraft eines Haushaltes und den Lebenshaltungskosten. Daher liegen die Gehaltsforderungen der Gewerkschaften dort bei jeder Tarifverhandlung oft über 5 bis 7 oder 8 Prozent, da versucht wird, auf diese Weise den Kaufkraftverlust auszugleichen.

Da die Indexierung der Löhne in Belgien automatisch erfolgt, wird verhindert, dass sich ein zu bedeutender Rückstand zwischen Kaufkraft und Lebenshaltungskosten aufstauen kann. Die Angleichung der Löhne und Gehälter erfolgt in kürzeren Abständen.

Der Automatismus der Indexierung der Löhne und Gehälter wird ausgelöst ab dem Moment, wo die Inflation, gemessen am Index, d.h. an der Verteuerung der Lebenshaltungskosten, den Wert von 2% überschreitet. Wobei hier der Gesundheitsindex gemeint ist.

Der Index wird gemessen anhand eines fiktiven Dienstleistungs- und Warenkorbs. Die Preise der  in diesem Korb befindlichen Waren werden Monat für Monat zusammengerechnet. Der Unterschied zwischen dem Ausgangsindex und dem neu ermittelten Index ergibt die Antwort auf die Frage, ob die automatische Indexierung der Löhne in Gang gesetzt wird oder nicht.

Während beim Index sich alle möglichen Waren/ Dienstleistungen in diesem fiktiven Korb befinden, wurden beim Gesundheitsindex etliche Waren aus diesem Korb entfernt – so z.B. Tabakwaren, alkoholische Getränke, Diesel und Benzin. Daher auch der Begriff des „Gesundheitsindex“.  Indem diese Waren aus der Berechnungsgrundlage des Index entfernt werden, hat dies zur Folge, dass der Index langsamer steigt und somit der Automatismus der Indexbindung der Löhne in größeren Zeitab-ständen erfolgt.

Der Ausgleich der Gehälter über den Weg der Indexierung erfolgt für den öffentlichen Dienst nicht über den Gesundheitsindex sondern über den „geglätteten“ Gesundheitsindex (index santé lissé). Dies Glättung erfolgt, indem man den Durchschnitt des Gesundheitsindex der letzten vier Monaten nimmt.

Der Ausgleich erfolgt, indem die (Brutto) Löhne und Gehälter um 2 % angehoben werden.

Um Wettbewerbsnachteile zu vermeiden, besteht per Gesetz im Index eine technische Obergrenze: diese wird gedeckelt durch Vergleich mit den Lohnentwicklungen bei den drei Haupthandelspartnern Niederlande, Deutschland und Frankreich. Allerdings zeigt die Praxis, dass diese Deckelung in der Vergangenheit höhere effektive Lohnsteigerungen als bei den Nachbarn nicht verhindert hat.

Da die Bruttolöhne indexiert werden, und somit auch die Lohnabgaben, anhand derer die Sozialleistungen bezahlt werden können, ist es möglich, auch diese zu indexieren. Dies erfolgt ein wenig zeitversetzt im Monat, nachdem der Schwellenindex überschritten wurde.

Nachstehend eine kurze Übersicht übe die Entwicklung des Index zwischen November 2013 und Juli 2014

kap-soziale_sicherheit-indexQuelle: http://www.traitements.fgov.be/indexation/

Reform des INDEX 2014: Was gibt es Neues?

7. Januar 2014 (Quelle: FGTB/CGSP)

Seit 1920 wird monatlich der Index ermittelt. Er gibt die Preisentwicklung der Konsumgüter wider. Sein Zweck besteht darin, die Lebenshaltungskosten zu ermitteln. Als wirtschaftlicher Indikator wird er errechnet auf Basis eines fiktiven Waren- und Dienstleistungskorbs, wie er von den belgischen Haushalten gemäß deren Konsumgewohnheiten in Anspruch genommen wird.

Die Indexkommission, in der Gewerkschaften und Arbeitgeber verhandeln, hat Ende Dezember 2013 ihre Arbeiten über den Index abgeschlossen, acht Jahre nach der letzten großen Reform von 2006. Die Entscheidungen werden ab dem 1. Januar 2014 berücksichtigt.

Die wichtigste Änderung betrifft die Überarbeitung des Warenkorbes: sie wird nunmehr jedes Jahr stattfinden.

Berechnung des Index
Die Berechnung des Index wird weiterhin als Quelle der Gewichtung die Untersuchung über das Budget der Haushalte benutzen.

Aufeinanderfolgende Indizes
Bisher wurde der Index alle acht Jahre durch eine große Reform bewertet und alle zwei Jahre durch eine kleine Reform. Nunmehr wird er jährlich beobachtet. Der Referenzindex bezieht sich also nunmehr auf den des Vorjahres…

Neue Produkte
Die Anzahl der Produkte, die den Indexkorb bilden, steigt von 535 auf 611. 105 neue Produkte werden dem Korb hinzugefügt, während 31 gestrichen werden.

Bei den Neuheiten wird man den Zugang des tiefgefrorenen Lachs, des Couscous, der Kindermilch in Puderform, des Ketchup, des Wodka, Cava, Push-Up-Büstenhalter, Boxershorts, Pellets, Haushaltsroboter, elektrischer Zahnbürste, der Sauna und der Telekom-Packages (Fernsehen – Internet – Telefon).

Bei den Ausgängen fallen aus dem Korb der Hummer, die Austern, Kabeljaufilet, Landpastete, weiße Bohnen in Tomatensoße, Samthose, Nachthemd, Reiseführer, der Verleih von DVD.

Die Überalterung wird nunmehr besser berücksichtigt, wie neue Produkte im Warenkorb es zeigen, etwa Hörgeräte, Inkontinenzmaterial oder der Lieferservice für ältere Personen.

Der Index berücksichtigt nun die Mieten besser, die einen substantiellen Teil der Ausgaben der Haushalte darstellen.

Dies ist ohne Überraschung die Kategorie mit den meisten Veränderungen: das Tablett kommt hinzu, genau wie der Blue-Ray-Player, während CD, externe Festplatte und DVD-Player in der Versenkung verschwinden.

Die seit 2013 berücksichtigten Schlussverkäufe bleiben im Index, was die FGTB bedauert. Sie wird weiterhin die Neutralisierung des Effektes fordern.

Was sagen die Arbeitgeber dazu?

Die Gewerkschaften drohen: „wenn die Regierung die Indexierung der Löhne aussetzt (Indexsprung), gibt es kein überberufliches Abkommen.“ Die Arbeitgeber antworten: „eine solche Drohung akzeptieren wir nicht.“ Im Sommer 2012 hatten die liberale Partei und die flämischen Christlich-Sozialen vor dem Hintergrund der Aufstellung des Staatshaushaltes  einen Indexsprung in die Diskussion eingebracht. Es sollte ohne Tabu verhandelt werden. Der Hintergrund dieser Initiative: die Wiederherstellung der internationalen Wettbewerbsfähigkeit der Unternehmen, indem mittels eines (oder mehrerer) Indexsprungs die Arbeitgeber progressiv im Bereich der Lohnmasse entlastet werden.

Die Arbeitgeber haben in der Tat immer wieder darauf gedrängt, das System der automatischen Indexierung der Löhne und Gehälter in Frage zu stellen. Sehr oft werden sie dabei von unternehmerfreundlichen Organisationen, Forschungseinrichtungen und Parteien unterstützt. Sie verweisen darauf, dass die Europäische Union Belgien immer wieder zu einem solchen Schritt ermahnt. Sie beklagen, dass die Gewerkschaften systematisch die Diskussion über die Indexierung der Löhne und Gehälter abblocken. Sie werfen den Gewerkschaften vor, durch ihre Blockadehaltung die Wettbewerbsfähigkeit der Unternehmen zu untergraben und somit für Arbeitsplatzverluste verantwortlich zu sein.

Die ostbelgischen Arbeitgeber gehen soweit, zu behaupten, die Indexierung der Löhne sei nicht sozial. (vgl. Grenz Echo vom 24.09.2011): „Was sich als schöner Ausgleich für die Beschäftigten anhört, ent-puppt sich bei näherer Betrachtung als unaufhörliche Kostenspirale, die den belgischen Unternehmen im internationalen Wettbewerb erhebliche Nachteile bringt, und aufgrund der erforderlichen unternehmerischen Anpassungen und Umstrukturierungen damit letzten Endes allen Beteiligten schadet, auch den Beschäftigten.“

Was aus Arbeitnehmersicht als Inflationsausgleich verteidigt wird, muss von den Arbeitgebern bezahlt werden, d.h. von diesen erwirtschaftet werden, damit sie den Mehraufwand für Löhne und Gehälter aufbringen können. Dies kann, so die Arbeitgeber, durch mehr Verkauf, mehr Umsatz oder durch anderweitige Kosteneinsparungen erreicht werden – wobei in einer weltweit agierenden Wirtschaft der einzelne Unternehmer nicht immer selbst seine Preise festlegen kann (die Konkurrenz zwingt ihn, seine Produkte billiger anzubieten). In einer weltweit agierenden Wirtschaft bestimmen die Wirtschaftsgiganten die Preise.

Aktuell wird die Inflation von den steigenden Energie-kosten angeheizt sowie von den Kosten der Rohstoffe, so dass es wieder zu einer „nicht zu bremsenden Preis- und Lohnspirale“ führen kann.

Die Gewerkschaften machen mobil

Nachstehend in Stichworten einige Analysen und Reaktionen der Arbeitnehmerorganisationen hinsichtlich der Infragestellung der Kaufkraft mittels Untergrabung der Indexierung der Löhne und Gehälter:

Lohnstückkosten: Es ist richtig, dass eine Stunde Arbeit in Belgien mehr kostet als in manchem Ausland. Doch ist nicht die Stunde Arbeit die Messlatte, sondern das was der Arbeitnehmer während dieser Stunde zu produzieren in der Lage ist. Man spricht von der Produktivität. Umgerechnet auf die Lohnstückkosten bedeutet dies, dass jemand mit einem höheren Lohn und mit erhöhter Produktivität am Ende Waren erzeugt, die billiger angeboten werden können als jemand mit einem geringeren Lohn und verminderter Produktivität. Zum Beispiel: ein Baggerfahrer kann auf einer Stunde mehr Erdreich bewegen als 10 Arbeiter mit Hacke und Schaufel. Selbst wenn der Lohn des Baggerfahrers höher ist als der des Arbeiters mit Hacke und Schaufel, gewinnt der Arbeitgeber, weil der Baggerfahrer mit einer höheren Produktivität arbeiten kann.

kap-soziale_sicherheit-lohnstueckkostenGemessen an den Lohnstückkosten liegt Belgien im vorderen Teil der Tabelle, indes die Produktivität derjenigen von Deutschland  entspricht, einem unserer wichtigen Handelspartner.

Die Automatisierung der Betriebe kostet Arbeitsplätze. Richtig! doch zurück zum Bauunternehmer mit seinem Baggerfahrer: Welcher Unternehmer wird den Bagger wieder abschaffen und 10 Arbeiter mit Hacke und Schaufel anstellen, wenn die Lohnkosten des Baggerfahrers gesenkt werden? Gewiss überspitzt dieses Beispiel den Sachverhalt, doch die Überspitzung dient dazu, die Dinge klar darzustellen. Kein Betrieb wird darauf verzichten, menschliche durch maschinelle Arbeitskraft zu ersetzen, weil die Löhne in Belgien weniger schnell steigen bzw. nicht mehr durch die automatische Indexierung gegen ihre Entwertung geschützt sind.

Billiglohnländer: Es wird immer Länder geben, in denen die Löhne niedriger sind. Die Auslagerung der Betriebe in Billiglohnländer bleibt zumindest so lange eine Gefahr, als die Löhne in Belgien (in Europa) nicht soweit abgesenkt werden, dass ein hiesiger Arbeitnehmer über dasselbe Lohnniveau verfügt wie der Arbeitnehmer im Billiglohnland. Es genügt jedoch schon, einen Blick über die Grenze zu werfen, um eine Idee davon zu bekommen, was es bedeutet, die Löhne und deren Bindung an die Lebenshaltungskosten zu untergraben: in Deutschland wurde das Prinzip der Minijobs (Minijob bedeutet Maxiarbeit für Minilohn) eingeführt. Die deutsche Exportwirtschaft boomt und erdrückt die innereuropäische Konkurrenz. Die Wett-bewerbsfähigkeit der Betriebe wird vom Arbeiter bezahlt, in dessen Umgebung Armut akut um sich greift.

Inflationstreiber: Es sind z.Z. im Wesentlichen die Kosten für Energie (Strom, Heizöl, Erdgas, Benzin, Diesel) und für Nahrungsmittel (verursacht durch die Spekulation an der Börse mit Getreide, Reis, Soja und Mais), welche die Inflation antreiben und somit die automatische Indexbindung der Löhne und Gehälter auslösen. Umgekehrt bedeutet die Indexierung der Löhne und Gehälter, dass auch der Arbeitnehmer trotz Verteuerung der Energiekosten in der Lage ist, seine Wohnung für sich und seine Familie korrekt heizen zu können. Die Indexierung in Frage zu stellen, hat zur Folge, dass die Arbeitnehmerfamilie wesentliche Entbehrungen in Kauf nehmen muss, darunter auch die, den Heizöltank ausreichend anfüllen zu können, um über den Winter zu kommen. Wobei die Verursacher bzw. Gewinner der Kostenexplosion für Energie nicht auf der Seite der Arbeitnehmer zu finden sind.

Binnennachfrage: Die Betriebe müssen ihre Produkte beim Endverbraucher absetzen können. Der Endverbraucher lebt entweder im Inland (Binnennachfrage) oder im Ausland (Exportnachfrage). Damit der Endverbraucher seine Produkte kaufen kann, muss er über die nötige Kaufkraft verfügen. Wird diese progressiv z.B. durch Infragestellung der Indexierung unterhöhlt, schwächt dies die Binnennachfrage und verstärkt somit die Krise der Betriebe, die mangels kaufkräftiger Kundschaft ihre Produkte nicht mehr absetzen können. Das ist z.B. einer der Gründe, warum z.Z. die Zahl der Anfragen auf Baugenehmigungen zurück gehen : der Baukandidat zögert, weil seine berufliche Lage und sein Einkommen unsicher geworden sind, indes die Kosten für einen Neubau in unerreichbare Höhen klettern. Unternehmen, die stets das Argument der internationalen Wettbewerbsfähigkeit anführen, zielen vorrangig auf die Exportnachfrage, nicht jedoch auf den Binnenmarkt. Solche Situationen kennt man in anderen Ländern, wo Arbeitnehmer Produkte herstellen, die sie sich selber nicht leisten können, weil sie ausschließlich auf eine kaufkräftigere ausländische Kundschaft gerichtet sind. So hat, laut Gewerkschaften, die Indexierung der Löhne mit dazu beigetragen, die sozialen Folgen der aktuellen Krise abzufedern, indem weniger Kaufkraft in der breiten Bevölkerung verloren geht als ohne diese Indexierung zu befürchten ist.

Indexsprung: Ein Indexsprung (die automatische Indexierung der Löhne und Gehälter wird ein- oder mehrmals ausgesetzt) führt zu dauerhaften Kaufkraftverlusten, die in den Jahrzehnten danach nie mehr ausgeglichen werden. Ein Indexsprung trifft vor allem die einkommensschwachen Haushalte, bei denen die Marge zwischen dem verfügbaren Monatslohn und den Lebenshaltungskosten ohnehin schon äußerst gering ist. Daher gilt ein allgemeiner Indexsprung als sozial unausgewogen und ungerecht.

Indexierung nur der Nettogehälter: Diese These mag für den Arbeiter verlockend scheinen, da er netto mehr für sich behält. Seine Kaufkraft wird damit geschützt.  Wenn jedoch die Lohnabgaben nicht ebenfalls indexiert werden, klafft eine immer grösser werdende finanzielle Lücke zwischen den Einnahmen der Sozialkassen und deren Ausgaben (Alterspensionen, Krankengelder, Kindergeld, Invalidengelder, Arbeitslosenentschädigungen ….). Sollte sich diese These durchsetzen, wird die unmittelbare Kaufkraft des Arbeitnehmerhaushalts scheinbar geschützt, doch die seiner Eltern (Pensionsempfänger)… wird unterhöhlt. Abgesehen davon, dass ein Arbeitnehmerhaushalt mit Kindern z.B. im Bereich der Kinderzulagen zu verlieren droht, was er an Ausgleich auf den Nettolohn bekommt.