Arbeitsunfall und Berufskrankheit

„Sag niemals nie!“

Zur Erinnerung: Großvater Joseph Müller ist vom Gerüst gefallen und hat sich die Wirbelsäule verletzt. Er ist seit diesem beruflichen Unfall nicht mehr in der Lage, einer Erwerbstätigkeit nachzugehen. Sein Arbeitgeber kündigte bereits an, dass er demnächst „frühpensioniert“ werde. Vielleicht wird er vor seiner Frühpension noch einige Monate zurück auf den Bau müssen, voll einsatzfähig wird er jedoch nicht mehr sein.

250.000 Arbeitsunfälle

kap-soziale_sicherheit-nicoJedes Jahr ereignen sich in Belgien ungefähr 250.000 Arbeitsunfälle. Ungefähr einer von zehn Arbeitern ist laut Statistik davon betroffen. Naturgemäß sind die Arbeiter, die einer riskanteren Tätigkeit nachgehen, mehr davon betroffen als andere. Die Unfälle sind mehr oder weniger schwerwiegend. Manchmal bleiben sie ohne Folgen. Oft genug führen sie allerdings dazu, dass das Unfallopfer zeitweise oder dauerhaft nicht mehr arbeiten kann. Das ist z.B. bei Großvater Müller der Fall. Manche Unfälle führen sogar zum Tod des Opfers, was die Frage nach dem weiteren Unterhalt für dessen Familie aufwirft.

Es kommt auch häufig vor, dass der Arbeitnehmer einen gesundheitsgefährdenden Beruf ausübt und deswegen krank wird. Das Risiko, wegen einer Berufserkrankung arbeitsunfähig zu werden, ist je nach Beruf unterschiedlich. Am häufigsten sind Minenarbeiter und Arbeiter in Steinbrüchen betroffen. Es betrifft aber auch diejenigen, die in der Zementindustrie arbeiten, als Metallarbeiter häufig Schweißerarbeiten durchführen oder hohen Temperaturen ausgesetzt sind.

Und es betrifft diejenigen, die häufig schwere Lasten tragen müssen – so z.B. in Bauunternehmen. Und schließlich betrifft es Menschen, die ständigem Lärm oder chemischen Produkten ausgesetzt sind. Die häufigste Form der Berufskrankheit war und ist die Staublunge.

Damit eine Krankheit als Berufskrankheit anerkannt wird, muss sie als solche eingetragen sein. Da aber ständig neue Berufe entstehen und somit neuartige Tätigkeiten verübt werden bzw. die Arbeitnehmer ständig mit neuen Produkten arbeiten müssen, für die es in der Vergangenheit keine Erfahrungswerte gibt, ändert sich das gesundheitliche Risiko für den Arbeitnehmer. Leider kann man meist nur im Nachhinein feststellen, inwieweit eine berufliche Tätigkeit zu einem erhöhten Risiko geführt hat.

kap-soziale_sicherheit-fatIn Fällen von Arbeitsunfällen oder Berufskrankheiten übernehmen die Versicherungen (FAT = Fonds des accidents de travail oder FMP = Fonds des maladies professionelles) die Rückerstattungen der medizinischen Auslagen, die nicht von der Krankenkasse abgedeckt sind. Die Bestattungskosten und die Lohnersatzzahlung in Fällen zeitweiliger oder dauerhafter Arbeitsunfähigkeit werden gleichfalls durch diese Träger abgedeckt. Ende des Jahres 1994 wurden in Belgien „nur“ 95.446 Personen gezählt, die vom Arbeitsunfallfonds entschädigt wurden. 2012 sind das bereits 155.720 Personen – Tendenz steigend.

Berufskrankheiten in Belgien

Auf der einen Seite nimmt die Zahl der an Staublunge erkrankten Personen kontinuierlich ab, weil die Betroffenen aus Gesundheits- und Altersgründen sterben und nur noch wenige jüngere Arbeitnehmer davon betroffen sind. Diese Beobachtung gilt sowohl für diejenigen, die zeitweilig als auch dauerhaft von der Arbeitsunfähigkeit betroffen sind.  Seit Jahren steigt die Zahl derer, die an einer anderen Berufskrankheit leiden.

Auffallend ist jedoch, dass viele Berufskrankheiten erst später ausbrechen, was erklärt, warum so viele Pensionierte sich darunter befinden. Das Problem der Staublunge betrifft vor allem Männer. Es sind diese Männer, die als Minenarbeiter, Schreiner, Bäcker… eingesetzt wurden. Auf diejenigen, die dauerhaft als arbeitsunfähig eingestuft werden, verteilt sich  die Statistik vom Schweregrad der Betroffenheit her von 5 % bis 80 %. Das Problem der anderen Krankheiten, die zu einer definitiven Arbeitsunfähigkeit führen, betrifft ebenfalls eher die Männer als die Frauen.

Aufgrund des Transfers derer zum INAMI, die vorsorglich vom Arbeitsplatz entfernt werden, und aufgrund der Tatsache, dass die Personen mit Staublunge langsam wegsterben, sinken die Ausgaben des Fonds für Berufskrankheiten von 338,5 Millionen Euro in 2008 auf 281,5 Millionen Euro in 2012.

Gefahrenverhütung und Schutz am Arbeitsplatz

kap-soziale_sicherheit-arbeitDas Gesetz vom 4. August 1996, welches das Wohlergehen des Arbeitnehmers am Arbeitsplatz garantiert, bildet die Grundlage für alle Fragen bzgl. der Sicherheit und der Gesundheit am Arbeitsplatz. Das Gesetz bildet die Grundlage für eine Reihe von Ausführungsbestimmungen durch die Regierung, die gemeinsam das Regelwerk über das Wohlergehen am Arbeitsplatz ausmachen.

Es wird vom Arbeitgeber erwartet, dass er Unfällen vorbeugt, die sich aus der Ausübung der Arbeit ergeben können. Dazu gehört,

  • dass er Risiken eingrenzt oder vermeidet;
  • dass er diejenigen Risiken bewertet, die nicht vollends ausgeschaltet werden können;
  • dass er Gefahrenquellen beseitigt;
  • dass er kollektiv und individuell anwendbare Vorsorgemaßnahmen trifft;
  • dass er die Gerätschaften und Arbeitsmethode so anpasst, dass die Folgen für die Gesundheit verringert werden (z.B. zur Verhinderung der Monotonie der Arbeit);
  • dass er für Techniken optiert, welche die Risiken begrenzen;
  • dass er vor allem das Risiko schwerer Körperverletzungen begrenzt;
  • dass er seine Arbeiter korrekt und ausführlich über die Gefahren informiert und diese hinsichtlich der Bewältigung dieser Gefahren ausbildet;
  •  usw.

kap-soziale_sicherheit-fmpUm dies zu gewährleisten, muss im Betrieb ein Ausschuss für Gefahrenverhütung und Schutz am Arbeitsplatz eingerichtet werden. Der Arbeitgeber muss das Einverständnis bzw. je nach Fall die Meinung dieses Ausschuss einholen, bevor er Maßnahmen ergreift. Die Arbeitnehmervertreter  in diesen Ausschüssen werden anlässlich der Sozialwahlen durch die Belegschaft des Betriebs gewählt. Ein besonderes Augenmerk wird auf den Schutz von schwangeren Frauen, auf junge Arbeitnehmer und auf Praktikanten gelegt. So werden z.B. schwangere Krankenpflegerinnen für die Dauer der Schwangerschaft vom Dienst in einem Krankenhaus freigestellt, nicht zuletzt um die werdende Mutter und ihr Baby vor (ansteckenden) Krankheiten zu schützen.